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Ein Jahrhundert Schweizer Wirtschafts- und Kulturgeschichte an einem Ort: Die ehemalige Kunath Futterfabrik im Aarauer Telli-Quartier wurde 1926 gegründet. Was damals als visionäre Geflügelfarm begann, prägt bis heute nicht nur die Schweizer Landwirtschaft, sondern auch das Stadtbild von Aarau. Angela Bhend Im Jahr 1926 übernahmen Fritz und Käthe Kunath-Schinkel das Areal der ehemaligen Chemiefabrik Wydler in der Aarauer Telli. Die aus Deutschland stammenden und in der Geflügelzucht ausgebildeten Jungunternehmer lernten sich in der Schweiz per Zufall kennen. Doch beide teilten die gleiche Vision: die Gründung einer modernen Geflügelfarm. Am 15. Oktober starteten die Pioniere mit wenigen hundert Hennen und einem kleinen Büro in einem Markt, der damals in der Schweiz nur als bäuerlicher Nebenerwerb existierte. Mit ihrem Fachwissen revolutionierten sie die rückständige Geflügelzucht nachhaltig. Sie ersetzten gekochtes Futter durch optimiertes Trockenmischfutter und setzten neue Standards für den Bau von Ställen. Der Aufstieg zur modernen Futterfabrik Aus der Geflügelfarm entstand rasch ein florierendes Unternehmen für grossflächige Futterproduktion. Das Kunath-Futter war teuer, doch bis heute gilt das Credo «Das beste Futter hat den höchsten Preis». Per Auto, Bahn und bald per Lastwagen wurde die wachsende Kundschaft in der Deutschschweiz beliefert. Innerhalb von 15 Jahren wuchs der Kundenstamm von 100 auf über 10'000 Kunden. Nach dem Krieg bauten 30 Kundenberater den Markt kontinuierlich aus. Die rund 30 Fabrikarbeiter pendelten mit dem Fahrrad aus den umliegenden Gemeinden in die Telli, denn Wohnen in Aarau war zu teuer. Der Erfolg war messbar: Die Legeleistung der Hennen verdoppelte sich, was Fritz Kunath hauptsächlich auf das eigene Futter zurückführte. Innovationen und Gügg-Grüggüü Fritz Kunaths Erfindergeist kannte keine Grenzen: So entwickelte er 1930 den weltweit exportierten Frischluftbrutapparat «Aria». 1937 baute er die erste Mischfutterfabrik der Schweiz. Im Jahr darauf führte er aus Hygienegründen den Papiersack als Ersatz für die seuchenanfälligen Jutesäcke ein. Ihr Wissen teilten die Pioniere durch die im Jahr 1929 gegründete Hauszeitung Gügg-Grüggüü. Die «Hauszeitung über alle Fragen der Hühnerzucht» wurde ausschliesslich an Kunden abgegeben. Sie klärte die Halter landwirtschaftlicher Betriebe mit Tipps und Tricks über die Geflügelzucht auf, später auch über die Schweine- und Viehzucht – bis heute. Die 1929 gegründete Hauszeitung Gügg-Grüggüü erscheint bis heute. Früher bot sie Anleitungen zum Bau von Hühnerställen und zur Kükenaufzucht an, oder auch Rezepte für den Hausgebrauch. Zudem informierte die Hauszeitung über gesellschaftspolitische Themen.
Ein architektonisches Juwel reist nach Aarau Etwas ganz Besonderes im Kunath-Areal war das Wohnhaus der Familie: das geschichtsträchtige SAFFA-Haus. Es wurde von Lux Guyer, der ersten selbstständigen Architektin der Schweiz, als vorfabriziertes Typenwohnhaus aus Holz für die erste Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA) 1928 in Bern entworfen. Fritz Kunath liess das komplette Holzhaus nach Ausstellungsende in Bern zerlegen und neben seiner Futterfabrik als «Katharinenhof» (benannt nach seiner Frau Käthe) wieder aufbauen. Als dem Haus im Jahr 2003 der Abriss drohte, rettete es der Verein proSAFFAhaus. Es wurde erneut abgebaut und steht seit 2007 aufwendig restauriert in Stäfa am Zürichsee. Vom Futterparadies zum Kulturzentrum: Das KiFF entsteht
1988 wurde die Futterfabrik nach Burgdorf verlegt, wo sie heute als Kunz Kunath AG FORS-Futter in der dritten und vierten Generation der Familie Kunath noch immer Tiernahrung produziert. In den 1980er-Jahren war das Bedürfnis nach kulturellen Freiräumen in Aarau gross. Innovative Kulturschaffende erstanden das leere Aarauer Fabrikgebäude und gründeten die Interessengemeinschaft «Kultur in der Futterfabrik» – das KiFF. Seit über 35 Jahren finden in der Industriebrache nun Konzerte und Kulturveranstaltungen statt. Die Ernennung zum kantonalen «kulturellen Leuchtturm» 2009 verschaffte dem Kulturzentrum weitere Sichtbarkeit und durch vermehrte Förderung eine Verbesserung der stets angespannten Finanzen. Nun soll ein Neubau auf dem Areal die bisherige Nutzung der sanierungsbedürftigen ehemaligen Futterfabrik durch einen dauerhaft angelegten Kulturstandort ersetzen – die Parzelle im Baurecht dafür stammt aus der Familie Kunath. Erlebnisbericht aus "Dini Gschicht - Eusi Stadt" : Alt und Jung auf Entdeckungsreise im Quartier26/7/2026
Susanne Dul-Lüthi Das Wetter meinte es gut an diesem Morgen. Die motivierten Seniorinnen und Senioren trafen pünktlich im Gönhardschulhaus ein. Sie hatten sich freiwillig auf einen Aufruf der Mobilen Altersarbeit (MoA) gemeldet. Gemeinsam begaben sie sich ins Schulzimmer der 4a, wo sie schon erwartet wurden. Nach einer kurzen Einführung durch die Projektverantwortlichen des Stadtmuseums Schlössli, Julia Walther und Annette Rutsch, stellten sich die "Guides" vor. Sie übernahmen im Anschluss die Aufgabe, mit den Kindern die Quartiere Torfeld Süd, Goldern und Gönhard zu erkunden. Mit Karte und alten Ansichten aus den Quartieren galt es, die verschiedenen eingezeichneten Punkte zu finden. Seit Jahren im Gönhard zu Hause Auf dem Weg kam es bereits zu ersten interessanten Gesprächen zwischen Kindern und Senioren. Schnurstracks fand meine Gruppe mit Karte und historischem Bild das Haus am Gönhardweg und fotografierte die aktuelle Ansicht. Das Haus wurde nicht zufällig gewählt. Es ist die Wohnadresse von Peter Studer und seiner Frau Elisabeth. Die beiden begleiteten die sechs Kinder auf dem Rundgang. Studers Grossvater hatte das Haus 1912 gebaut, als das Gönhardquartier noch als "abgelegen" wahrgenommen wurde. Eine Schlittenfahrt auf dem Schlittenrain endete damals nicht abrupt vor der Strasse. Sie dauerte so lange, bis das Gefährt auf dem noch unbebauten Gebiet zum Stillstand kam. Weiter ging der Rundgang Richtung KEBA (Kunsteisbahn Aarau). Auf dem Foto waren erste Häuser des Goldern- und Gönhardquartiers zu sehen. Auch aus erhöhter Lage vom Steinigen Tisch aus versperrten Bauten und Bäume die Sicht auf die Einfamilienhausreihe. Aus dem Familienalbum Im Kuvert befand sich auch eine Aufnahme einer kleinen Familie auf dem Spaziergang. Klein Peter (Studer) sass auf einem Dreirad neben einem damals modernen Kinderwagen, der von seiner elegant gekleideten Mutter gestossen wurde. Diese Szene am Rand des Gönhardwaldes könnte man mit den richtigen Requisiten sicher nachstellen. Hoch hinaus in den Goldern Auf den letzten Bildern waren zwei der drei Hochhäuser an der General-Guisan-Strasse zu sehen, die seit über 60 Jahren markant in den Himmel ragen. Fleissig zählten die Kinder die Anzahl Stöcke, weil es eine Quizfrage zu beantworten galt. Sie kamen überein, dass es drei Blöcke gibt, die 16 Stöcke übersteigen. Nun ging es auf dem direkten Weg zurück ins Schulhaus. Die Karte brauchte niemand mehr. Im Schulzimmer angekommen, gab es für die richtige Zahl ein Weggli und ein Schoggistängeli und eine verlängerte Pause. Ungeschminkte Interviewfragen Nach der Pause stellten die Kinder ihren Begleitpersonen Fragen zu verschiedenen Themen, die sie sich selber ausgedacht hatten. Ich musste tief in meinen Erinnerungen graben. Gab es in der Schule Regeln? Welche Strafen waren üblich? Welche Sportarten wurden ausgeübt? War es einfach, Freunde zu gewinnen? Gab es Hausaufgaben? Professionell wurden meine Antworten notiert. Am Ende der Veranstaltung gab es nur zufriedene Gesichter. Die erwachsenen Teilnehmenden verabschiedeten sich von ihren jungen Interviewern, für die Kinder ging es in der Turnhalle weiter. Grosses Engagement von allen Seiten
Für das Projekt "Dini Gschicht – Eusi Stadt" brauche es, gemäss Annette Rutsch vom Stadtmuseum, engagierte Menschen. Sie ist froh, dass sie bei der Klassenlehrerin Stephanie Hunziker und der MoA - Ansprechperson Alexandra Amstutz nicht auf taube Ohren gestossen ist mit ihrem Anliegen. Dank dem Engagement von Rolf Geiser und Claude Dubois von der MoA wurden im Quartier genügend ältere Menschen gefunden, die sich in dieses Projekt einbinden liessen. Julia Walther vom Stadtmuseum hatte die unterschiedlichen Quartierrundgänge zusammengestellt. Dank den alten Ansichten aus den Quartieren, kamen in allen Gruppen interessante Gespräche zustande. Dank den gut vorbereiteten Interviewfragen gelang es den Kindern, von ihrem älteren Gegenüber viel Wissenwertes aus "erster Hand" zu erfahren. Einige Anekdoten werden sie nicht so schnell vergessen. Was hebt Aarau von den anderen Kleinstädten ab, wie sie für den Aargau so typisch sind? Hier ballten sich im 20. Jahrhundert Industrie, Verkehrswege, Bildungseinrichtungen, Kulturinstitutionen und Kantonsverwaltung. Patrick Zehnder Bedeutende Unternehmen hatte Zofingen auch. Verkehrsknotenpunkt ist Brugg schon lange. Bildungseinrichtungen gibt es auch in Baden. Kulturinstitutionen kennen Lenzburg, Bremgarten und sogar Kaiserstuhl. Amtsstellen der kantonalen Verwaltung finden sich auch in Schafisheim. Aber alle fünf genannten Faktoren ballten sich im 20. Jahrhundert nur in Aarau. Bevölkerungswachstum dank Industrie Namentlich die vielen Stellen in Industriebetrieben führten bis 1960 zu einem Bevölkerungswachstum. 1900 hatte Aarau 7831 Einwohnerinnen und Einwohner, vierzig Jahre später 12'900 und nach dem stürmischsten Jahrzehnt in Sachen Bevölkerungswachstum waren es 1960 knapp über 17'000. Es war die Zeit, in denen Reisszeuge, Theodoliten, Transportsysteme, Schoggi, Plakate, Zältli, elektrische Apparate und Glühbirnen Aarau als Markennamen weit über die Kantons- und Landesgrenzen bekannt machten. Die französische Geschichtsforschung bezeichnet diese Phase elegant mit dem Begriff «Les Trente Glorieuses», die mit dem Wiederaufbau Europas nach dem Krieg und der Konjunktur im «Koreahoch» einsetzte.
Wirtschaftsaufschwung mit Arbeitsmigration Den Wirtschaftsaufschwung in der zweiten Jahrhunderthälfte konnte die Schweizer Industrie nur mit ausländischen Arbeitskräften stemmen. Das gilt auch für die blühenden Fabriken in Aarau. Einer unter den meist Namenlosen und Vergessenen war Dario Marioli (1928–2018), der nach Kriegsende in die Schweiz kam. Der im italienischen Brescia ausgebildete Betriebselektriker wechselte nach kurzer Zeit zu den Stahlwerken Oehler & Cie. AG in Aarau. Sein Stundenlohn betrug jetzt 95 statt nur 65 Rappen. «Aber es war eine dreckige Büetz», wie sich Marioli sechs Jahrzehnte später erinnerte. Zwar war er weiterhin zuständig für die elektrischen Installationen, aber auch für den Unterhalt von Drehbänken, Bohrmaschinen und weiteren Einrichtungen in den Werkstätten. Besonders die Revision der Kräne in der Giesserei war eine schmutzige Angelegenheit.
Raum für Wandel und Neues Schon bis 1970 war die Aarauer Bevölkerung leicht auf 16'881 geschrumpft, davon verfügten 3099 über keinen Schweizer Pass. Zehn Jahre später wohnten rund tausend Menschen weniger zwischen Alpenzeiger und Distelberg, 650 von ihnen waren ausländischer Herkunft. Bis die Bevölkerungszahl wieder den zwischenzeitlichen Höchstwert von 1960 erreichte, sollte es bis nach der Jahrtausendwende dauern. Aarau geriet seither dank seiner zentralen Lage und der guten Verkehrsanbindung in die Wachstumsspirale der Metropolitanräume der Deutschschweiz. Das wachsende Stellenangebot im Dienstleistungssektor – genannt sei die dominierende Kantonsverwaltung – trägt das Ihre dazu bei. Dank der Eingemeindung des Ortsteils Rohr im Jahr 2010 entwickelte sich die Einwohnerzahl auf 22'903 (2025). Zeitgleich mit dem gesellschaftlichen und politischen Wandel begann die Umnutzung der Industriebrachen. Wo einst gegossen, gefräst und gehämmert wurde, wohnt, lernt, verwaltet, gesundet oder verbringt man heute seine Freizeit. Die bernische Herrschaft veränderte den Aargau – aber nicht nur so, wie man meist hört. Bürgerfamilien aus Aarau wie die Segesser nutzten den Umbruch nach der Eroberung und wirkten aktiv an der Gestaltung der neuen Ordnung mit. Simon Frederik Piringer 1415 eroberte Bern den Grossteil des habsburgischen Aargaus und übernahm somit auch die Herrschaft über Aarau. Bis heute gilt dieses Ereignis als klare Zäsur: Die Stadt wurde Teil des bernischen Staats und konnte sich erst mit der Helvetischen Revolution 1798 aus den Fängen der Herrschaft befreien. Die Menschen in Aarau nahmen das damals aber ganz anders wahr. Viele sahen im Herrschaftswechsel keine Niederlage, sondern neue Gelegenheiten. Insbesondere die Familie Segesser verstand es, sich aktiv in die neue Situation einzubringen. Die Segesser auf mehreren Bühnen Nur eine Generation vor der Eroberung kam Hans Segesser nach Aarau. Vorher wohnte er im nahen Mellingen und bekleidete dort als Schultheiss das höchste städtische Amt. Ausserdem war Hans durch seine Tätigkeit als habsburgischer Richter und Verwandter der Familie Schultheiss-Ribi, den Herren auf der Lenzburg, gut vernetzt. In Aarau besetzte dann auch sein ältester Sohn Peter das Schultheissenamt, während sein jüngerer Bruder Hans Ulrich Schultheiss in Mellingen war. Die zwei jüngsten Söhne von Hans übten kirchliche Ämter aus: Rudolf war Chorherr in Beromünster und Ulrich war Kirchherr in Schinznach. Aussergewöhnlich für eine Bürgerfamilie waren verschiedene Besitzrechte und Lehen der Segesser im heutigen Südtirol und nördlich des Bodensees. Die Familie agierte also nicht nur innerhalb einer Stadt, sie bewegte sich zwischen ganz unterschiedlichen Herrschaftsräumen. Nach Habsburgs Abzug übernehmen Aarauer ihre Burgen Innerhalb der Stadtmauern Aaraus brachte die Eroberung durch Bern fast keine Änderungen. Im Umland jedoch konnte nur ein Teil der Adligen seine Stellung behaupten. So wurden viele ehemals habsburgische Burgen frei. Dadurch veränderte sich der Markt stark, weil diese Rechte nun zum Kauf freistanden und gehandelt wurden. Hans Arnold Segesser, Sohn von Peter und ebenfalls Schultheiss in Aarau, schlug genau hier zu: Er kaufte 1453 die Burg Königstein, 1462 die Habsburg und 1473 die Brunegg. Die Burg Königstein liegt an der östlichen Flanke des Hungerbergs, nördlich von Aarau in Küttigen und ist heute nur noch eine Ruine. Diese verkaufte Hans Arnold schon ein Jahr nach dem Erwerb an das Ordenshaus der Johanniter in Biberstein. Die Habsburg behielt er jedoch fast ein Jahrzehnt, die Brunegg blieb bis 1528 in Familienbesitz.
Macht dank Burgenbesitz Aus heutiger Sicht stellt man sich den Kauf einer Burg vielleicht analog zum Kauf einer Villa vor. Im 15. Jahrhundert wurden Burgen jedoch nicht nur als Prestigeobjekte betrachtet. Burgen waren so wichtig, weil sie eine Reihe an Rechten mit sich brachten: Erstens hatte ein Burgherr passive Einnahmen durch Abgaben, Zinsen und Steuern. Zweitens hielt er Gericht – dadurch inszenierte er seine Herrschaft und entschied über Konflikte. Er kontrollierte zudem die Gebiete um die Burg herum. So gehörten zur Burg Königstein die Dörfer Küttigen und Erlinsbach. Das zur Brunegg benachbarte Dorf Tägerig hatte Grossvater Hans Segesser bereits vor 1415 erworben. Insgesamt gewannen die Segesser also durch den Kauf von mehreren Burgen an regionaler Bedeutung und sie gestalteten die Herrschaft im Aargau mit. Dies steht stark im Gegensatz zur Vorstellung einer kompletten Machtübernahme bei der Eroberung des Aargaus, wie es noch in der alten Stadtgeschichte von 1978 vermittelt wird. Anders formuliert: Die Aarauer Bürgerfamilien waren keine passiven Untertanen, sondern aktiv im Geschehen involviert. Gerade solche Familien wie die Segesser veränderten durch ihre wirtschaftlichen Strategien den Aargau gleich stark wie Bern selbst. Als direkter Vergleich: Bern kontrollierte bis 1500 im Aargau lediglich die Aarburg, die Lenzburg und die Burg Schenkenberg, wo sie Landvogteien einrichteten. 1415 von Aarau aus gesehen
Zusammenfassend kam es bei der Eroberung von 1415 zu keiner Totalübernahme. Akteure aus Aarau wie die Familie Segesser gestalteten das neue System massgebend mit. Hiervon zeugt eine Vielzahl von Quellen, die bislang kaum beachtet wurden. Dabei handelt es sich um Kaufurkunden, Gerichtsprotokolle sowie Abrechnungen. Man kann also die Geschichte der Eroberung auch aus der Perspektive Aaraus erzählen – eine Geschichte von Menschen, welche die Neuordnung nutzten. Für die Segesser war Herrschaft kein abstraktes Gebilde. Es war eine Ressource, die man erwerben, verwalten und verhandeln konnte. Innerhalb des neuen Handlungsraums verstanden sich die Segesser bestens darauf, selbstbewusst und grossräumig zu handeln. Schliesslich konnten sie sich sogar ihren eigenen Herrschaftsraum aufbauen, der weit über die Stadtmauern hinausreichte. Solche Prozesse konkurrierten im Übrigen nicht mit Bern. Es war zu dieser Zeit üblich, dass es verschiedene Formen von Herrschaft gab, die sich überschnitten und miteinander funktionierten. So könnte man noch etliche weitere Geschichten erzählen, die davon handeln, wie Bürgerfamilien aus Aarau die Herrschaft mitgestalteten. Das Forschungs- und Vermittlungsprojekt Stadtgeschichte Aarau ist offiziell gestartet. Was das heisst – und was sich Aarauerinnen und Aarauer aus Politik, Kultur, Wissenschaft und Tourismus davon erhoffen. von Katja Schlegel Gerechnet hatten sie mit sieben oder neun – geworden sind es 25. Ein Autorenpool voller Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Filmemacherinnen, Pod-Caster und Journalistinnen, die sich nun an die Arbeit machen, Aaraus Stadtgeschichte neu zu erzählen. Im November ist an einer ersten Retraite der offizielle Startschuss zu den Arbeiten gefallen. Bis 2030 wird nun in Aaraus Geschichte geforscht, wobei bereits 2028 die Buchpublikation erscheinen soll. Warum eine neue Stadtgeschichte? Doch der Reihe nach: Warum braucht Aarau überhaupt eine neue Stadtgeschichte? Eine erste Antwort bekommt, wer das Standardwerk von 1978 betrachtet: Ein Wälzer, 809 Seiten stark, textlastig und unübersichtlich, mit vielen wichtigen Männern und wenig Alltag. Ein Werk für Angefressene, ein Kind seiner Zeit. Antwort Nummer zwei findet sich in der Kulturstrategie der Stadt: «Die Aarauer Kultur ist Ausdruck der Aarauer Lebensqualität. Sie prägt das soziale Zusammenleben, schafft Identität, erweckt die Stadtgeschichte zum Leben und ist Zukunftslabor.» Die Stadt will und braucht also eine Neuaufarbeitung ihrer Geschichte. Eine, die Themen beleuchtet, die sich mit der heutigen Lebensrealität von Aarauerinnen und Aarauern verknüpfen lassen, wie es im Projektbeschrieb heisst. «Dazu gehören der gesellschaftliche Wandel insbesondere seit 1950, Migration, Kultur, Wohnen, Information und Medien, Konsum, Freizeit, Sport und Gesundheit, Landschaft und Umwelt(probleme).»
Stadtgeschichte auf verschiedenen Kanälen Die Fragestellungen sind aber nur das eine: Das Projekt Stadtgeschichte Aarau soll nicht einfach nur vom Schreibtisch aus, sondern quasi auch mitten in der Stadt geschrieben werden – unter Mitwirkung der Bevölkerung. Sie sollen ihre Geschichten erzählen, in Erinnerungen kramen. Ganz wichtig: Die Geschichten müssen nicht alt sein, nicht berühmt besetzt, nicht von Erfolg gekrönt. Sondern echt. Das schafft Nähe, das stiftet Identität und letztlich auch Interesse. Dafür sorgen auch die unterschiedlichen Kanäle, über die die Stadtgeschichte erzählt werden: «Durch die verschiedenen Produkte – Buch, Podcast, Filme, Blogs, Kunstführer durch die Stadt, Zeitzeugengespräche, Vermittlungsformate und so weiter – ist für jeden und jede etwas dabei, das sie anspricht und interessiert», sagt Dominik Sauerländer, der gemeinsam mit Annina Sandmeier-Walt die Projektleitung innehat. Dass das Projekt einen Nerv treffen wird, davon sind die beiden überzeugt: «Man spürt, dass Behörden und Bevölkerung sehr interessiert sind an der eigenen Geschichte. Aarau ist eine geschichtsaffine Stadt», sagt Sandmeier-Walt. Entsprechend gross sei die Bereitschaft, dafür finanzielle Mittel zu investieren – und hoch die Erwartungen.
Aarau neu erzählt Das Kernstück des Projekts sind die «Wissenschaftlichen Grundlagen»: Konkret soll eine gedruckte Neue Stadtgeschichte Aarau erscheinen, aufgeteilt auf zwei Bände. Die Publikation bietet einen Überblick zur Gesamtgeschichte Aaraus, beginnend bei den ersten menschlichen Spuren und endend im Hier und Jetzt. Ergänzend zum chronologischen Inhalt, werden gewisse Fokusthemen diachron untersucht, also über die gesamte relevante Zeitspanne hinweg. Jedes Kapitel wird zudem mit einer Auftaktgeschichte aus der neueren Zeitgeschichte eingeführt. Dieses Verknüpfen unterschiedlicher Ansätze und Erzählweisen soll die Stadtgeschichte für eine breite Leserschaft attraktiv machen.
Nebst der Buchpublikation bilden die Mitwirkung und der Einbezug der Bevölkerung einen weiteren Teil, ebenso die Vermittlung, etwa in Form von Unterrichtsmaterial für Schulen und verschiedenen Formaten im Stadtmuseum. Auf dieser Webseite werden laufend neue Geschichten und Einblicke in das Projekt aufgeschaltet, geplant sind zudem regelmässig neue Blogbeiträge, Audio-Podcasts und Kurzfilme, die einzelne Themen vertiefen. Ausserdem werden hier die Infos zu den Partizipationsprojekten publiziert.
Katja Schlegel ist Autorin der Neuen Stadtgeschichte Aarau. Für die Aargauer Zeitung schreibt sie bereits seit 13 Jahren über die Stadt und gräbt dafür am liebsten im Stadtarchiv nach neuen Geschichten. Bildnachweise: Danièle Turkier, Bild: Michael Orlik. Marc Griesshammer, Bild: Severin Bigler/ CH Media. Hanspeter Hilfiker, Bild: Hana Solenthaler. Melanie Morgenegg/Raoul Richner (eigene Bilder)
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