Stadtgeschichte Aarau
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Warum heute in Aarau Kultur in der Futterfabrik (KiFF) stattfindet: Vor 100 Jahren begann alles mit einer Geflügelfarm

3/9/2026

 
Ein Jahrhundert Schweizer Wirtschafts- und Kulturgeschichte an einem Ort: Die ehemalige Kunath Futterfabrik im Aarauer Telli-Quartier wurde 1926 gegründet. Was damals als visionäre Geflügelfarm begann, prägt bis heute nicht nur die Schweizer Landwirtschaft, sondern auch das Stadtbild von Aarau.
Angela Bhend
​Im Jahr 1926 übernahmen Fritz und Käthe Kunath-Schinkel das Areal der ehemaligen Chemiefabrik Wydler in der Aarauer Telli. Die aus Deutschland stammenden und in der Geflügelzucht ausgebildeten Jungunternehmer lernten sich in der Schweiz per Zufall kennen. Doch beide teilten die gleiche Vision: die Gründung einer modernen Geflügelfarm. Am 15. Oktober starteten die Pioniere mit wenigen hundert Hennen und einem kleinen Büro in einem Markt, der damals in der Schweiz nur als bäuerlicher Nebenerwerb existierte. Mit ihrem Fachwissen revolutionierten sie die rückständige Geflügelzucht nachhaltig. Sie ersetzten gekochtes Futter durch optimiertes Trockenmischfutter und setzten neue Standards für den Bau von Ställen.
​Der Aufstieg zur modernen Futterfabrik
Aus der Geflügelfarm entstand rasch ein florierendes Unternehmen für grossflächige Futterproduktion. Das Kunath-Futter war teuer, doch bis heute gilt das Credo «Das beste Futter hat den höchsten Preis». Per Auto, Bahn und bald per Lastwagen wurde die wachsende Kundschaft in der Deutschschweiz beliefert. Innerhalb von 15 Jahren wuchs der Kundenstamm von 100 auf über 10'000 Kunden. Nach dem Krieg bauten 30 Kundenberater den Markt kontinuierlich aus. Die rund 30 Fabrikarbeiter pendelten mit dem Fahrrad aus den umliegenden Gemeinden in die Telli, denn Wohnen in Aarau war zu teuer. Der Erfolg war messbar: Die Legeleistung der Hennen verdoppelte sich, was Fritz Kunath hauptsächlich auf das eigene Futter zurückführte.
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Pionier Fritz Kunath (1897-1938) in seinem ersten Geschäftsjahr 1926 mit einem Stammmutterhuhn, auf das er und seine Frau Käthe besonders stolz waren. Bild: Gügg-Grüggüü, Dez. 1938.
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Mit zahlreichen Lastwagen wurde das Kunath-Futter den Kunden geliefert. Bild: Firmenarchiv Burgdorf.
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Werbeplakat für Kunath-Futter 1950. Bild: Stadtmuseum Aarau.
​Innovationen und Gügg-Grüggüü
Fritz Kunaths Erfindergeist kannte keine Grenzen: So entwickelte er 1930 den weltweit exportierten Frischluftbrutapparat «Aria». 1937 baute er die erste Mischfutterfabrik der Schweiz. Im Jahr darauf führte er aus Hygienegründen den Papiersack als Ersatz für die seuchenanfälligen Jutesäcke ein. Ihr Wissen teilten die Pioniere durch die im Jahr 1929 gegründete Hauszeitung Gügg-Grüggüü. Die «Hauszeitung über alle Fragen der Hühnerzucht» wurde ausschliesslich an Kunden abgegeben. Sie klärte die Halter landwirtschaftlicher Betriebe mit Tipps und Tricks über die Geflügelzucht auf, später auch über die Schweine- und Viehzucht – bis heute.
Die 1929 gegründete Hauszeitung Gügg-Grüggüü erscheint bis heute. Früher bot sie Anleitungen zum Bau von Hühnerställen und zur Kükenaufzucht an, oder auch Rezepte für den Hausgebrauch. Zudem informierte die Hauszeitung über gesellschaftspolitische Themen.
​Schicksalsschlag und eine starke Frau an der Firmenspitze
Im Jahr 1938 verunglückte der Gründer Fritz Kunath mit nur 41 Jahren tödlich bei einem Autounfall. Mitten in der Weltwirtschaftskrise und kurz vor dem Zweiten Weltkrieg übernahm seine Witwe Käthe Kunath-Schinkel die alleinige Leitung der Fabrik. Trotz der harten Kriegsjahre steuerte sie den Betrieb geschickt durch die Krise und baute ihn in der Nachkriegszeit zu einem führenden Akteur aus. Nach über drei Jahrzehnten übergab sie 1971 die Firmenleitung an ihren Sohn Friedrich Kunath.
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Die starke Frau an der Firmenspitze: Pionierin Käthe Kunath-Schinkel. Bild: Gügg-Grüggüü, Nov.-Dez. 1941.
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Der heute 95-jährige Friedrich Kunath wurde 1931 als Sohn der Firmengründer in Aarau geboren. Er trat später in die Fussstapfen seiner Mutter, übernahm 1971 die Leitung und modernisierte den Betrieb kontinuierlich. Zudem gründete er 1959 zusammen mit zwei ausländischen Mischfutterherstellern das European Feeding Team (EFT), um einen regelmässigen Austausch von Fachwissen zu ermöglichen. Bild: Angela Bhend.
Vom Schüler aus der Telli zum Firmenpatron
Der heute 95-jährige Firmenpatron Friedrich Kunath wuchs in den Krisen- und Weltkriegsjahren im Aarauer Industriequartier Telli auf. Als einziger Schüler seiner Klasse hatte er den längsten Schulweg. «Niemand wohnte in der Telli», erinnert er sich. Mit dem Fahrrad zu kommen, war streng verboten. Wegen der Militärnutzung des Pestalozzi-Schulhauses fand sein Unterricht anfänglich auf viel zu kleinen Stühlen im Kindergarten statt.
An die Kriegsjahre erinnert er sich zwiespältig: «Wir sind Draisine gefahren, im Winter haben wir geschlittelt, im Sommer Äpfel geerntet.» Gemüseanbau, Eier und das gelegentliche Schlachten eines «Güggeli» oder «Säuli» sicherten das Überleben. Dank eigener Landwirtschaft war die Not auf dem Kunath-Areal gedämpft, während in der Innenstadt Lebensmittelknappheit herrschte. Im Betrieb fehlten jedoch die Männer, die im Aktivdienst waren. Bürofrauen mussten mit anpacken, Futter mischen und Laborarbeiten übernehmen. 
Nach dem Krieg, einem Internat und der Müllereifachschule Braunschweig erwarb Friedrich Kunath nach eigenen Aussagen 1958 in den USA als erster Europäer das Diplom als Ingenieur der Futtermitteltechnik. Nach Stationen im Ausland übernahm er 1971 die Gesamtleitung des Familienbetriebs. 
​Ein architektonisches Juwel reist nach Aarau
Etwas ganz Besonderes im Kunath-Areal war das Wohnhaus der Familie: das geschichtsträchtige SAFFA-Haus. Es wurde von Lux Guyer, der ersten selbstständigen Architektin der Schweiz, als vorfabriziertes Typenwohnhaus aus Holz für die erste Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA) 1928 in Bern entworfen.
Fritz Kunath liess das komplette Holzhaus nach Ausstellungsende in Bern zerlegen und neben seiner Futterfabrik als «Katharinenhof» (benannt nach seiner Frau Käthe) wieder aufbauen. Als dem Haus im Jahr 2003 der Abriss drohte, rettete es der Verein proSAFFAhaus. Es wurde erneut abgebaut und steht seit 2007 aufwendig restauriert in Stäfa am Zürichsee.
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Kunath Futterfabrik auf dem Gebiet Telli-Neumatten in Aarau, 1955. Links im Bild das SAFFA-Haus. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Stiftung Luftbild Schweiz / LBS_H1-018512
​Vom Futterparadies zum Kulturzentrum: Das KiFF entsteht
1988 wurde die Futterfabrik nach Burgdorf verlegt, wo sie heute als Kunz Kunath AG FORS-Futter in der dritten und vierten Generation der Familie Kunath noch immer Tiernahrung produziert. In den 1980er-Jahren war das Bedürfnis nach kulturellen Freiräumen in Aarau gross. Innovative Kulturschaffende erstanden das leere Aarauer Fabrikgebäude und gründeten die Interessengemeinschaft «Kultur in der Futterfabrik» – das KiFF. Seit über 35 Jahren finden in der Industriebrache nun Konzerte und Kulturveranstaltungen statt. Die Ernennung zum kantonalen «kulturellen Leuchtturm» 2009 verschaffte dem Kulturzentrum weitere Sichtbarkeit und durch vermehrte Förderung eine Verbesserung der stets angespannten Finanzen. Nun soll ein Neubau auf dem Areal die bisherige Nutzung der sanierungsbedürftigen ehemaligen Futterfabrik durch einen dauerhaft angelegten Kulturstandort ersetzen – die Parzelle im Baurecht dafür stammt aus der Familie Kunath.
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Angela Bhend ist Autorin der Neuen Stadtgeschichte Aarau. Als freie Historikerin kuratiert sie derzeit das Ausstellungsprojekt des Zentrums Doppeltür in Lengnau und arbeitet an einem Buch zur jüdischen Textilgeschichte der Schweiz.

Erlebnisbericht aus "Dini Gschicht - Eusi Stadt" : Alt und Jung auf Entdeckungsreise im Quartier

26/7/2026

 
Ein vom Stadtmuseum initiiertes Projekt fand in der MoA und im Gönhardschulhaus nachhaltigen Anklang. Die unterschiedlichen Rundgänge in den Quartieren Torfeld Süd, Goldern und Gönhard führten zu Gesprächen zwischen den Generationen. Sie waren für alle Seiten gewinnbringend.
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Susanne Dul-Lüthi
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Marianne Weber erzählt den Kindern im Gönhardschulhaus, wie das Leben im Quartier früher war. Bild: Annalena Bohnsack
​Das Wetter meinte es gut an diesem Morgen. Die motivierten Seniorinnen und Senioren trafen pünktlich im Gönhardschulhaus ein. Sie hatten sich freiwillig auf einen Aufruf der Mobilen Altersarbeit (MoA) gemeldet. Gemeinsam begaben sie sich ins Schulzimmer der 4a, wo sie schon erwartet wurden. 
Nach einer kurzen Einführung durch die Projektverantwortlichen des Stadtmuseums Schlössli, Julia Walther und Annette Rutsch, stellten sich die "Guides" vor. Sie übernahmen im Anschluss die Aufgabe, mit den Kindern die Quartiere Torfeld Süd, Goldern und Gönhard zu erkunden. Mit Karte und alten Ansichten aus den Quartieren galt es, die verschiedenen eingezeichneten Punkte zu finden.
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Julia Walther vom Stadtmuseum Aarau (rechts) mit den Guides vor dem Rundgang durch die Quartiere. Bild: Susanne Dul-Lüthi
Seit Jahren im Gönhard zu Hause
Auf dem Weg kam es bereits zu ersten interessanten Gesprächen zwischen Kindern und Senioren. Schnurstracks fand meine Gruppe mit Karte und historischem Bild das Haus am Gönhardweg und fotografierte die aktuelle Ansicht. Das Haus wurde nicht zufällig gewählt. Es ist die Wohnadresse von Peter Studer und seiner Frau Elisabeth. Die beiden begleiteten die sechs Kinder auf dem Rundgang. Studers Grossvater hatte das Haus 1912 gebaut, als das Gönhardquartier noch als "abgelegen" wahrgenommen wurde. Eine Schlittenfahrt auf dem Schlittenrain endete damals nicht abrupt vor der Strasse. Sie dauerte so lange, bis das Gefährt auf dem noch unbebauten Gebiet zum Stillstand kam. 
Weiter ging der Rundgang Richtung KEBA (Kunsteisbahn Aarau). Auf dem Foto waren erste Häuser des Goldern- und Gönhardquartiers zu sehen. Auch aus erhöhter Lage vom Steinigen Tisch aus versperrten Bauten und Bäume die Sicht auf die Einfamilienhausreihe.
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Blick auf das Gönhardfeld im Jahr 1927, vom steinernen Tisch aus gesehen. Bild: Stadtmuseum Aarau, SF 2019-0190, Wilhelm Hegert.
Aus dem Familienalbum
 Im Kuvert befand sich auch eine Aufnahme einer kleinen Familie auf dem Spaziergang. Klein Peter (Studer) sass auf einem Dreirad neben einem damals modernen Kinderwagen, der von seiner elegant gekleideten Mutter gestossen wurde. Diese Szene am Rand des Gönhardwaldes könnte man mit den richtigen Requisiten sicher nachstellen.

Hoch hinaus in den Goldern 
Auf den letzten Bildern waren zwei der drei Hochhäuser an der General-Guisan-Strasse zu sehen, die seit über 60 Jahren markant in den Himmel ragen. Fleissig zählten die Kinder die Anzahl Stöcke, weil es eine Quizfrage zu beantworten galt. Sie kamen überein, dass es drei Blöcke gibt, die 16 Stöcke übersteigen.
Nun ging es auf dem direkten Weg zurück ins Schulhaus. Die Karte brauchte niemand mehr. Im Schulzimmer angekommen, gab es für die richtige Zahl ein Weggli und ein Schoggistängeli und eine verlängerte Pause.
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Annette Rutsch und Julia Walther vom Stadtmuseum Aarau verteilen Weggli und Schoggistengeli nach dem Rundgang. Bild: Annalena Bohnsack
​Ungeschminkte Interviewfragen 
Nach der Pause stellten die Kinder ihren Begleitpersonen Fragen zu verschiedenen Themen, die sie sich selber ausgedacht hatten. Ich musste tief in meinen Erinnerungen graben. Gab es in der Schule Regeln? Welche Strafen waren üblich? Welche Sportarten wurden ausgeübt? War es einfach, Freunde zu gewinnen? Gab es Hausaufgaben? Professionell wurden meine Antworten notiert. 
Am Ende der Veranstaltung gab es nur zufriedene Gesichter. Die erwachsenen Teilnehmenden verabschiedeten sich von ihren jungen Interviewern, für die Kinder ging es in der Turnhalle weiter.
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Die Seniorinnen und Senioren aus dem Quartier zeigten den Schulkindern Fotos von früher und nahmen sie mit auf den Rundgang durch das Quartier mit Blick auf dessen Geschichte. Bild: Annalena Bohnsack
Grosses Engagement von allen Seiten
Für das Projekt "Dini Gschicht – Eusi Stadt" brauche es, gemäss Annette Rutsch vom Stadtmuseum, engagierte Menschen. Sie ist froh, dass sie bei der Klassenlehrerin Stephanie Hunziker und der MoA - Ansprechperson Alexandra Amstutz nicht auf taube Ohren gestossen ist mit ihrem Anliegen. Dank dem Engagement von Rolf Geiser und Claude Dubois von der MoA wurden im Quartier genügend ältere Menschen gefunden, die sich in dieses Projekt einbinden liessen. 
Julia Walther vom Stadtmuseum hatte die unterschiedlichen Quartierrundgänge zusammengestellt. Dank den alten Ansichten aus den Quartieren, kamen in allen Gruppen interessante Gespräche zustande. Dank den gut vorbereiteten Interviewfragen gelang es den Kindern, von ihrem älteren Gegenüber viel Wissenwertes aus "erster Hand" zu erfahren. Einige Anekdoten werden sie nicht so schnell vergessen.

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Susanne Dul-Lüthi, im Aarauer Zelgli aufgewachsen und heute im Gönhard wohnhaft. Anbieterin von thematischen Stadtrundgängen seit 1999. Pensionierte Lehrerin, ehemalige AZ-Journalistin.

Das gewisse Etwas von Aarau

15/4/2026

 
Was hebt Aarau von den anderen Kleinstädten ab, wie sie für den Aargau so typisch sind? Hier ballten sich im 20. Jahrhundert Industrie, Verkehrswege, Bildungseinrichtungen, Kulturinstitutionen und Kantonsverwaltung.
Patrick Zehnder
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Das Foto von Flugpionier Walter Mittelholzer (1894–1937) zeigt das Torfeld in der Zwischenkriegszeit. Links zu sehen sind die Stahlwerke Oehler & Cie. AG, rechts davon die Sprecher+ Schuh AG. Bild: ETH Bildarchiv LBS_MH03-1684.
​Bedeutende Unternehmen hatte Zofingen auch. Verkehrsknotenpunkt ist Brugg schon lange. Bildungseinrichtungen gibt es auch in Baden. Kulturinstitutionen kennen Lenzburg, Bremgarten und sogar Kaiserstuhl. Amtsstellen der kantonalen Verwaltung finden sich auch in Schafisheim. Aber alle fünf genannten Faktoren ballten sich im 20. Jahrhundert nur in Aarau.
​Bevölkerungswachstum dank Industrie
Namentlich die vielen Stellen in Industriebetrieben führten bis 1960 zu einem Bevölkerungswachstum. 1900 hatte Aarau 7831 Einwohnerinnen und Einwohner, vierzig Jahre später 12'900 und nach dem stürmischsten Jahrzehnt in Sachen Bevölkerungswachstum waren es 1960 knapp über 17'000. Es war die Zeit, in denen Reisszeuge, Theodoliten, Transportsysteme, Schoggi, Plakate, Zältli, elektrische Apparate und Glühbirnen Aarau als Markennamen weit über die Kantons- und Landesgrenzen bekannt machten. Die französische Geschichtsforschung bezeichnet diese Phase elegant mit dem Begriff «Les Trente Glorieuses», die mit dem Wiederaufbau Europas nach dem Krieg und der Konjunktur im «Koreahoch» einsetzte.
Aarau war schweizweit bekannt für Reisszeuge, Theodoliten, Transportsysteme, Schoggi, Plakate, Zältli, elektrische Apparate und Glühbirnen. Die meist von der Aarauer Druckerei Trüb gedruckten Werbeplakate für die lokalen Produzenten dieser Waren werden heute im Stadtmuseum aufbewahrt.
​Wirtschaftsaufschwung mit Arbeitsmigration
Den Wirtschaftsaufschwung in der zweiten Jahrhunderthälfte konnte die Schweizer Industrie nur mit ausländischen Arbeitskräften stemmen. Das gilt auch für die blühenden Fabriken in Aarau. Einer unter den meist Namenlosen und Vergessenen war Dario Marioli (1928–2018), der nach Kriegsende in die Schweiz kam. Der im italienischen Brescia ausgebildete Betriebselektriker wechselte nach kurzer Zeit zu den Stahlwerken Oehler & Cie. AG in Aarau. Sein Stundenlohn betrug jetzt 95 statt nur 65 Rappen. «Aber es war eine dreckige Büetz», wie sich Marioli sechs Jahrzehnte später erinnerte. Zwar war er weiterhin zuständig für die elektrischen Installationen, aber auch für den Unterhalt von Drehbänken, Bohrmaschinen und weiteren Einrichtungen in den Werkstätten. Besonders die Revision der Kräne in der Giesserei war eine schmutzige Angelegenheit.
​Zwischen Baracke und Giesserei
Untergebracht war Dario Marioli mit zwei Dutzend Kollegen aus dem «triangolo industriale» zwischen Genua, Turin und Mailand in einer Baracke. Hundert Meter von der Arbeitsstelle im Torfeld entfernt, auf dem Gemeindegebiet von Buchs, lebten sie in Zweierzimmern mit Dusche und Gemeinschaftsküche. «Eine neue, schöne, saubere Holzbaracke», sei es gewesen, denn «es roch nach Holz wie in einem Chalet. Dort habe ich mein erstes Zimmer gehabt, meine erste Dusche.» Tatsächlich musste die Firma Oehler Wohnraum für ihre ausländischen Arbeitskräfte schaffen und verzichtete darauf, sie in baufälligen Bauernhäusern oder heruntergekommenen «Caserme» unterzubringen.
Nach vier oder fünf Jahren wechselte Marioli zur benachbarten Sprecher + Schuh AG. Hier arbeitete er an elektrischen Schalttafeln und Radiosendern für ganz Europa, bevor er Gewerkschaftssekretär beim Schweizerischen Metall- und Uhrenarbeiterverband (SMUV) wurde. Anfänglich warb er Mitglieder in und um Aarau, unterstützte sie bei individuellen Anliegen und kollektiven Arbeitskämpfen. Später schickte ihn der SMUV nach Biel, wo er als Funktionär die Uhrenkrise (1974–1984) erlebte. Er blieb an der Sprachgrenze wohnhaft.
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Dario Marioli (1928–2018) arbeitete über zehn Jahre als Betriebselektriker in Aarau. Zuerst bei Oehler & Cie. später Sprecher + Schuh, bevor er SMUV-Gewerkschaftssekretär wurde. Bild: Sozarch_F_5032-Fa-0076.
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Hier wird auf dem Flugplatz Dübendorf eine Douglas DC-3-276 mithilfe eines Gepäckwagens von «Oehler Aarau» entladen. Das Gefährt war elektrisch betrieben, Brennstoff war unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg knapp. Bild: ETH Bildarchiv LBS_SR01-02612.
​Vom Boom in die Stagnation
In der Giesserei produzierte Oehler den Unterbau für Gepäck- und Hubwagen, wie sie neben vielen Industriebetrieben die Schweizerischen Bundesbahnen und die Swissair verwendeten. Verkabelt und mit elektrischen Antrieben versehen taten sie während Jahrzehnten Dienst auf Bahnhöfen landauf und landab, ebenso auf den Flughäfen in Dübendorf und Kloten. Wer also mit etwas Aarauer Lokalpatriotismus eine Reise tat, konstatierte mit Stolz, wie Oehler den Namen der Stadt in das ganze Land hinaustrug.
Aber schon bald stotterte die Weltwirtschaft – nach dreissig Jahren praktisch ungebremsten Wachstums. Industrielle Überkapazitäten, geopolitisch wirksame Spannungen und Kriege sowie die Konkurrenz aus Asien verstärkten die globalen «Ölpreiskrisen» von 1973 und 1979/80. In der Folge setzte in Westeuropa eine schleichende Deindustrialisierung ein. Unternehmen, die zum Teil auf das 19. Jahrhundert zurückgingen, mussten fusionieren oder schliessen. Auch in Aarau. Die Fabrik von Oehler zum Beispiel wurde 1970 an Georg Fischer verkauft und 1981 geschlossen. Als Folge dieser Entwicklung reisten zahlreiche ausländische Arbeitskräfte mit ihren Familien zurück in ihr Herkunftsland. Sank die Bevölkerungszahl anfänglich, stagnierte sie anschliessend während zwei Jahrzehnten.
​Raum für Wandel und Neues
Schon bis 1970 war die Aarauer Bevölkerung leicht auf 16'881 geschrumpft, davon verfügten 3099 über keinen Schweizer Pass. Zehn Jahre später wohnten rund tausend Menschen weniger zwischen Alpenzeiger und Distelberg, 650 von ihnen waren ausländischer Herkunft. Bis die Bevölkerungszahl wieder den zwischenzeitlichen Höchstwert von 1960 erreichte, sollte es bis nach der Jahrtausendwende dauern. Aarau geriet seither dank seiner zentralen Lage und der guten Verkehrsanbindung in die Wachstumsspirale der Metropolitanräume der Deutschschweiz. Das wachsende Stellenangebot im Dienstleistungssektor – genannt sei die dominierende Kantonsverwaltung – trägt das Ihre dazu bei. Dank der Eingemeindung des Ortsteils Rohr im Jahr 2010 entwickelte sich die Einwohnerzahl auf 22'903 (2025).
Zeitgleich mit dem gesellschaftlichen und politischen Wandel begann die Umnutzung der Industriebrachen. Wo einst gegossen, gefräst und gehämmert wurde, wohnt, lernt, verwaltet, gesundet oder verbringt man heute seine Freizeit.
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Die Landeskarte zeigt Aarau auf dem Höhepunkt industrieller Blüte im Jahr 1970. Gut sichtbar sind die Fabriken dar Aarauer Grossunternehmen entlang der Eisenbahnlinien, ebenso verschiedene unbebaute Flächen. Bild: AGIS/Swisstopo.
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Patrick Zehnder ist Autor der Neuen Stadtgeschichte Aarau. Er hat bei ZEITGESCHICHTE AARGAU 1950–2000 mitgearbeitet und unterrichtet Geschichte und Politische Bildung an der Kantonsschule Baden.

Der Herrschaftswechsel von 1415: Eine Chance für Aarauer Bürgerfamilien wie die Segesser

31/1/2026

 
Die bernische Herrschaft veränderte den Aargau – aber nicht nur so, wie man meist hört. Bürgerfamilien aus Aarau wie die Segesser nutzten den Umbruch nach der Eroberung und wirkten aktiv an der Gestaltung der neuen Ordnung mit.
Simon Frederik Piringer
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Die Habsburg war eine von drei Burgen, die aufgrund des Herrschaftswechsels in den Besitz der Segesser gelangte. Luftaufnahme Schloss Habsburg. Bild: Museum Aargau.
​1415 eroberte Bern den Grossteil des habsburgischen Aargaus und übernahm somit auch die Herrschaft über Aarau. Bis heute gilt dieses Ereignis als klare Zäsur: Die Stadt wurde Teil des bernischen Staats und konnte sich erst mit der Helvetischen Revolution 1798 aus den Fängen der Herrschaft befreien. Die Menschen in Aarau nahmen das damals aber ganz anders wahr. Viele sahen im Herrschaftswechsel keine Niederlage, sondern neue Gelegenheiten. Insbesondere die Familie Segesser verstand es, sich aktiv in die neue Situation einzubringen.
 
Die Segesser auf mehreren Bühnen
Nur eine Generation vor der Eroberung kam Hans Segesser nach Aarau. Vorher wohnte er im nahen Mellingen und bekleidete dort als Schultheiss das höchste städtische Amt. Ausserdem war Hans durch seine Tätigkeit als habsburgischer Richter und Verwandter der Familie Schultheiss-Ribi, den Herren auf der Lenzburg, gut vernetzt. In Aarau besetzte dann auch sein ältester Sohn Peter das Schultheissenamt, während sein jüngerer Bruder Hans Ulrich Schultheiss in Mellingen war. Die zwei jüngsten Söhne von Hans übten kirchliche Ämter aus: Rudolf war Chorherr in Beromünster und Ulrich war Kirchherr in Schinznach. Aussergewöhnlich für eine Bürgerfamilie waren verschiedene Besitzrechte und Lehen der Segesser im heutigen Südtirol und nördlich des Bodensees. Die Familie agierte also nicht nur innerhalb einer Stadt, sie bewegte sich zwischen ganz unterschiedlichen Herrschaftsräumen.
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Das Wappen der Segesser ist heute noch an mehreren Orten in Aarau sichtbar. Wappentafel von Peter Segesser – damals hiess die Familie noch Segenser oder Segisser – im Rathaus. Bild: Stadt Aarau.
Nach Habsburgs Abzug übernehmen Aarauer ihre Burgen
Innerhalb der Stadtmauern Aaraus brachte die Eroberung durch Bern fast keine Änderungen. Im Umland jedoch konnte nur ein Teil der Adligen seine Stellung behaupten. So wurden viele ehemals habsburgische Burgen frei. Dadurch veränderte sich der Markt stark, weil diese Rechte nun zum Kauf freistanden und gehandelt wurden. Hans Arnold Segesser, Sohn von Peter und ebenfalls Schultheiss in Aarau, schlug genau hier zu: Er kaufte 1453 die Burg Königstein, 1462 die Habsburg und 1473 die Brunegg. Die Burg Königstein liegt an der östlichen Flanke des Hungerbergs, nördlich von Aarau in Küttigen und ist heute nur noch eine Ruine. Diese verkaufte Hans Arnold schon ein Jahr nach dem Erwerb an das Ordenshaus der Johanniter in Biberstein. Die Habsburg behielt er jedoch fast ein Jahrzehnt, die Brunegg blieb bis 1528 in Familienbesitz.
Darstellung der Habsburg in einem Aquarell des Aarauer Glasmalers Hans Ulrich Fisch im Wappenbuch der Erzherzöge zu Österreich und Grafen von Habsburg, 1622. Die Burg war nach dem Herrschaftswechsel von 1415 fast ein Jahrzehnt im Besitz des Aarauer Schultheissen Hans Arnold Segesser. Bild: Staatsarchiv Aargau, V/4-1985/0001: Wappenbuch des Hans Ulrich Fisch (https://www.e-codices.unifr.ch/de/list/one/saa/V4-1985).
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​Macht dank Burgenbesitz
Aus heutiger Sicht stellt man sich den Kauf einer Burg vielleicht analog zum Kauf einer Villa vor. Im 15. Jahrhundert wurden Burgen jedoch nicht nur als Prestigeobjekte betrachtet. Burgen waren so wichtig, weil sie eine Reihe an Rechten mit sich brachten: Erstens hatte ein Burgherr passive Einnahmen durch Abgaben, Zinsen und Steuern. Zweitens hielt er Gericht – dadurch inszenierte er seine Herrschaft und entschied über Konflikte. Er kontrollierte zudem die Gebiete um die Burg herum. So gehörten zur Burg Königstein die Dörfer Küttigen und Erlinsbach. Das zur Brunegg benachbarte Dorf Tägerig hatte Grossvater Hans Segesser bereits vor 1415 erworben. Insgesamt gewannen die Segesser also durch den Kauf von mehreren Burgen an regionaler Bedeutung und sie gestalteten die Herrschaft im Aargau mit. Dies steht stark im Gegensatz zur Vorstellung einer kompletten Machtübernahme bei der Eroberung des Aargaus, wie es noch in der alten Stadtgeschichte von 1978 vermittelt wird. Anders formuliert: Die Aarauer Bürgerfamilien waren keine passiven Untertanen, sondern aktiv im Geschehen involviert. Gerade solche Familien wie die Segesser veränderten durch ihre wirtschaftlichen Strategien den Aargau gleich stark wie Bern selbst. Als direkter Vergleich: Bern kontrollierte bis 1500 im Aargau lediglich die Aarburg, die Lenzburg und die Burg Schenkenberg, wo sie Landvogteien einrichteten.
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1453 kaufte Hans Arnold Segesser die Burg Königstein für 540 Gulden. Kaufurkunde Königstein StAAG U.06/0068. Bild: Staatsarchiv Aargau.
​1415 von Aarau aus gesehen
Zusammenfassend kam es bei der Eroberung von 1415 zu keiner Totalübernahme. Akteure aus Aarau wie die Familie Segesser gestalteten das neue System massgebend mit. Hiervon zeugt eine Vielzahl von Quellen, die bislang kaum beachtet wurden. Dabei handelt es sich um Kaufurkunden, Gerichtsprotokolle sowie Abrechnungen. Man kann also die Geschichte der Eroberung auch aus der Perspektive Aaraus erzählen – eine Geschichte von Menschen, welche die Neuordnung nutzten. Für die Segesser war Herrschaft kein abstraktes Gebilde. Es war eine Ressource, die man erwerben, verwalten und verhandeln konnte. Innerhalb des neuen Handlungsraums verstanden sich die Segesser bestens darauf, selbstbewusst und grossräumig zu handeln. Schliesslich konnten sie sich sogar ihren eigenen Herrschaftsraum aufbauen, der weit über die Stadtmauern hinausreichte. Solche Prozesse konkurrierten im Übrigen nicht mit Bern. Es war zu dieser Zeit üblich, dass es verschiedene Formen von Herrschaft gab, die sich überschnitten und miteinander funktionierten. So könnte man noch etliche weitere Geschichten erzählen, die davon handeln, wie Bürgerfamilien aus Aarau die Herrschaft mitgestalteten.
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Simon Frederik Piringer ist Autor der Neuen Stadtgeschichte Aarau. Seine Masterarbeit hat er kürzlich zur Geschichte Aaraus im 15. Jahrhundert verfasst. Ausserdem ist er seit sechs Jahren mit Leidenschaft Stadtführer bei Aarau Info. Bild: Roland Bill.

«Geschichte fällt nicht vom Himmel» – oder warum Aarauerinnen und Aarauer ihre Geschichten erzählen sollen

15/12/2025

 
Das Forschungs- und Vermittlungsprojekt Stadtgeschichte Aarau ist offiziell gestartet. Was das heisst – und was sich Aarauerinnen und Aarauer aus Politik, Kultur, Wissenschaft und Tourismus davon erhoffen.
von Katja Schlegel
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Das Team von Autorinnen und Autoren der Neuen Stadtgeschichte Aarau (zwei Autoren fehlen auf dem Bild). Foto: Roland Bill.
​Gerechnet hatten sie mit sieben oder neun – geworden sind es 25. Ein Autorenpool voller Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Filmemacherinnen, Pod-Caster und Journalistinnen, die sich nun an die Arbeit machen, Aaraus Stadtgeschichte neu zu erzählen. Im November ist an einer ersten Retraite der offizielle Startschuss zu den Arbeiten gefallen. Bis 2030 wird nun in Aaraus Geschichte geforscht, wobei bereits 2028 die Buchpublikation erscheinen soll.

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Die neue Stadtgeschichte ist für mich ein Herzensprojekt. Es geht um das Verständnis, woher wir kommen und welche Impulse durch welche Kräfte zu unserer Gegenwart geführt haben; dadurch verstehen wir auch unsere künftigen Gestaltungsmöglichkeiten besser.

Hanspeter Hilfiker, Stadtpräsident
Warum eine neue Stadtgeschichte?
Doch der Reihe nach: Warum braucht Aarau überhaupt eine neue Stadtgeschichte? Eine erste Antwort bekommt, wer das Standardwerk von 1978 betrachtet: Ein Wälzer, 809 Seiten stark, textlastig und unübersichtlich, mit vielen wichtigen Männern und wenig Alltag. Ein Werk für Angefressene, ein Kind seiner Zeit.

Antwort Nummer zwei findet sich in der Kulturstrategie der Stadt: «Die Aarauer Kultur ist Ausdruck der Aarauer Lebensqualität. Sie prägt das soziale Zusammenleben, schafft Identität, erweckt die Stadtgeschichte zum Leben und ist Zukunftslabor.»
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Die Stadt will und braucht also eine Neuaufarbeitung ihrer Geschichte. Eine, die Themen beleuchtet, die sich mit der heutigen Lebensrealität von Aarauerinnen und Aarauern verknüpfen lassen, wie es im Projektbeschrieb heisst. «Dazu gehören der gesellschaftliche Wandel insbesondere seit 1950, Migration, Kultur, Wohnen, Information und Medien, Konsum, Freizeit, Sport und Gesundheit, Landschaft und Umwelt(probleme).»

Ich würde mir wünschen, dass im Jahr 2030 ein Grossteil der Bevölkerung auf irgendeine Weise mitbekommen hat, dass sich Aarau mit seiner Geschichte auseinandersetzt. Sei es durch die Podcasts, neues Schul- und Lehrmaterial oder weil sie selbst ihre Geschichte einbringen konnten.                                                                                   
                                                                                         
​Melanie Morgenegg, Leiterin Abteilung Kultur
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Stadtgeschichte​ auf verschiedenen Kanälen
​Die Fragestellungen sind aber nur das eine: Das Projekt Stadtgeschichte Aarau soll nicht einfach nur vom Schreibtisch aus, sondern quasi auch mitten in der Stadt geschrieben werden – unter Mitwirkung der Bevölkerung. Sie sollen ihre Geschichten erzählen, in Erinnerungen kramen. Ganz wichtig: Die Geschichten müssen nicht alt sein, nicht berühmt besetzt, nicht von Erfolg gekrönt. Sondern echt. Das schafft Nähe, das stiftet Identität und letztlich auch Interesse.
Dafür sorgen auch die unterschiedlichen Kanäle, über die die Stadtgeschichte erzählt werden: «Durch die verschiedenen Produkte – Buch, Podcast, Filme, Blogs, Kunstführer durch die Stadt, Zeitzeugengespräche, Vermittlungsformate und so weiter – ist für jeden und jede etwas dabei, das sie anspricht und interessiert», sagt Dominik Sauerländer, der gemeinsam mit Annina Sandmeier-Walt die Projektleitung innehat. Dass das Projekt einen Nerv treffen wird, davon sind die beiden überzeugt: «Man spürt, dass Behörden und Bevölkerung sehr interessiert sind an der eigenen Geschichte. Aarau ist eine geschichtsaffine Stadt», sagt Sandmeier-Walt. Entsprechend gross sei die Bereitschaft, dafür finanzielle Mittel zu investieren – und hoch die Erwartungen.

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Geschichte hat den grossen Vorteil, dass sie für viele Leute einen hohen Unterhaltungswert hat. Den Aarauerinnen und Aarauern sollen gut präsentierte, allgemein verständliche Produkte Freude an der Stadtgeschichte vermitteln. Aber auch Fachleuten wollen wir durch die wissenschaftlichen Standards gerecht werden. 

Raoul Richner, Stadtarchivar
Aar​au neu erzählt
​Das Kernstück des Projekts sind die «Wissenschaftlichen Grundlagen»: Konkret soll eine gedruckte Neue Stadtgeschichte Aarau erscheinen, aufgeteilt auf zwei Bände. Die Publikation bietet einen Überblick zur Gesamtgeschichte Aaraus, beginnend bei den ersten menschlichen Spuren und endend im Hier und Jetzt. Ergänzend zum chronologischen Inhalt, werden gewisse Fokusthemen diachron untersucht, also über die gesamte relevante Zeitspanne hinweg. Jedes Kapitel wird zudem mit einer Auftaktgeschichte aus der neueren Zeitgeschichte eingeführt. Dieses Verknüpfen unterschiedlicher Ansätze und Erzählweisen soll die Stadtgeschichte für eine breite Leserschaft attraktiv machen.

Ich hoffe, dass hier ein Projekt entsteht, das möglichst viele Menschen erreicht und sie verstehen, dass die Geschichte von Aarau auch ihre Geschichte ist. Es gibt nicht DIE Geschichte von Aarau. Geschichte ist vielfältig, vielstimmig und entsteht durch Handlungen der Menschen, die hier gelebt haben und heute hier leben. Geschichte fällt nicht vom Himmel.
                                                                                                          
​Marc Griesshammer, Leiter Stadtmuseum
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Nebst der Buchpublikation bilden die Mitwirkung und der Einbezug der Bevölkerung einen weiteren Teil, ebenso die Vermittlung, etwa in Form von Unterrichtsmaterial für Schulen und verschiedenen Formaten im Stadtmuseum. Auf dieser Webseite werden laufend neue Geschichten und Einblicke in das Projekt aufgeschaltet, geplant sind zudem regelmässig neue Blogbeiträge, Audio-Podcasts und Kurzfilme, die einzelne Themen vertiefen. Ausserdem werden hier die Infos zu den Partizipationsprojekten publiziert.

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Aus touristischer Sicht erhoffen wir uns durch die Neuaufarbeitung der Aarauer Stadtgeschichte etwa neue Ansätze für das Marketing und vor allem neue Führungsinhalte. Insbesondere die Schilderungen von Zeitzeugen machen die Geschichte erlebbar. Das begeistert die Menschen für unsere Stadt, und zwar nicht nur Besucherinnen und Besucher, sondern auch Hiesige. Die neue Stadtgeschichte soll uns stolz auf unser Aarau machen, die Identifikation stärken, aber auch das Verständnis für aktuelle Herausforderungen fördern.

Danièle Turkier, Geschäftsführerin Aarau Standortförderung
Katja Schlegel ist Autorin der Neuen Stadtgeschichte Aarau. Für die Aargauer Zeitung schreibt sie bereits seit 13 Jahren über die Stadt und gräbt dafür am liebsten im Stadtarchiv nach neuen Geschichten.
Bildnachweise: Danièle Turkier, Bild: Michael Orlik. Marc Griesshammer, Bild: Severin Bigler/ CH Media. Hanspeter Hilfiker, Bild: Hana Solenthaler. Melanie Morgenegg/Raoul Richner (eigene Bilder)

Ein Projekt der Stadt Aarau

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Projekt Stadtgeschichte Aarau
​Abteilung Kultur
Rathausgasse 1
​5000 Aarau


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