Stadtgeschichte Aarau
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Das gewisse Etwas von Aarau

15/4/2026

 
Was hebt Aarau von den anderen Kleinstädten ab, wie sie für den Aargau so typisch sind? Hier ballten sich im 20. Jahrhundert Industrie, Verkehrswege, Bildungseinrichtungen, Kulturinstitutionen und Kantonsverwaltung.
Patrick Zehnder
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Das Foto von Flugpionier Walter Mittelholzer (1894–1937) zeigt das Torfeld in der Zwischenkriegszeit. Links zu sehen sind die Stahlwerke Oehler & Cie. AG, rechts davon die Sprecher+ Schuh AG. Bild: ETH Bildarchiv LBS_MH03-1684.
​Bedeutende Unternehmen hatte Zofingen auch. Verkehrsknotenpunkt ist Brugg schon lange. Bildungseinrichtungen gibt es auch in Baden. Kulturinstitutionen kennen Lenzburg, Bremgarten und sogar Kaiserstuhl. Amtsstellen der kantonalen Verwaltung finden sich auch in Schafisheim. Aber alle fünf genannten Faktoren ballten sich im 20. Jahrhundert nur in Aarau.
​Bevölkerungswachstum dank Industrie
Namentlich die vielen Stellen in Industriebetrieben führten bis 1960 zu einem Bevölkerungswachstum. 1900 hatte Aarau 7831 Einwohnerinnen und Einwohner, vierzig Jahre später 12'900 und nach dem stürmischsten Jahrzehnt in Sachen Bevölkerungswachstum waren es 1960 knapp über 17'000. Es war die Zeit, in denen Reisszeuge, Theodoliten, Transportsysteme, Schoggi, Plakate, Zältli, elektrische Apparate und Glühbirnen Aarau als Markennamen weit über die Kantons- und Landesgrenzen bekannt machten. Die französische Geschichtsforschung bezeichnet diese Phase elegant mit dem Begriff «Les Trente Glorieuses», die mit dem Wiederaufbau Europas nach dem Krieg und der Konjunktur im «Koreahoch» einsetzte.
Aarau war schweizweit bekannt für Reisszeuge, Theodoliten, Transportsysteme, Schoggi, Plakate, Zältli, elektrische Apparate und Glühbirnen. Die meist von der Aarauer Druckerei Trüb gedruckten Werbeplakate für die lokalen Produzenten dieser Waren werden heute im Stadtmuseum aufbewahrt.
​Wirtschaftsaufschwung mit Arbeitsmigration
Den Wirtschaftsaufschwung in der zweiten Jahrhunderthälfte konnte die Schweizer Industrie nur mit ausländischen Arbeitskräften stemmen. Das gilt auch für die blühenden Fabriken in Aarau. Einer unter den meist Namenlosen und Vergessenen war Dario Marioli (1928–2018), der nach Kriegsende in die Schweiz kam. Der im italienischen Brescia ausgebildete Betriebselektriker wechselte nach kurzer Zeit zu den Stahlwerken Oehler & Cie. AG in Aarau. Sein Stundenlohn betrug jetzt 95 statt nur 65 Rappen. «Aber es war eine dreckige Büetz», wie sich Marioli sechs Jahrzehnte später erinnerte. Zwar war er weiterhin zuständig für die elektrischen Installationen, aber auch für den Unterhalt von Drehbänken, Bohrmaschinen und weiteren Einrichtungen in den Werkstätten. Besonders die Revision der Kräne in der Giesserei war eine schmutzige Angelegenheit.
​Zwischen Baracke und Giesserei
Untergebracht war Dario Marioli mit zwei Dutzend Kollegen aus dem «triangolo industriale» zwischen Genua, Turin und Mailand in einer Baracke. Hundert Meter von der Arbeitsstelle im Torfeld entfernt, auf dem Gemeindegebiet von Buchs, lebten sie in Zweierzimmern mit Dusche und Gemeinschaftsküche. «Eine neue, schöne, saubere Holzbaracke», sei es gewesen, denn «es roch nach Holz wie in einem Chalet. Dort habe ich mein erstes Zimmer gehabt, meine erste Dusche.» Tatsächlich musste die Firma Oehler Wohnraum für ihre ausländischen Arbeitskräfte schaffen und verzichtete darauf, sie in baufälligen Bauernhäusern oder heruntergekommenen «Caserme» unterzubringen.
Nach vier oder fünf Jahren wechselte Marioli zur benachbarten Sprecher + Schuh AG. Hier arbeitete er an elektrischen Schalttafeln und Radiosendern für ganz Europa, bevor er Gewerkschaftssekretär beim Schweizerischen Metall- und Uhrenarbeiterverband (SMUV) wurde. Anfänglich warb er Mitglieder in und um Aarau, unterstützte sie bei individuellen Anliegen und kollektiven Arbeitskämpfen. Später schickte ihn der SMUV nach Biel, wo er als Funktionär die Uhrenkrise (1974–1984) erlebte. Er blieb an der Sprachgrenze wohnhaft.
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Dario Marioli (1928–2018) arbeitete über zehn Jahre als Betriebselektriker in Aarau. Zuerst bei Oehler & Cie. später Sprecher + Schuh, bevor er SMUV-Gewerkschaftssekretär wurde. Bild: Sozarch_F_5032-Fa-0076.
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Hier wird auf dem Flugplatz Dübendorf eine Douglas DC-3-276 mithilfe eines Gepäckwagens von «Oehler Aarau» entladen. Das Gefährt war elektrisch betrieben, Brennstoff war unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg knapp. Bild: ETH Bildarchiv LBS_SR01-02612.
​Vom Boom in die Stagnation
In der Giesserei produzierte Oehler den Unterbau für Gepäck- und Hubwagen, wie sie neben vielen Industriebetrieben die Schweizerischen Bundesbahnen und die Swissair verwendeten. Verkabelt und mit elektrischen Antrieben versehen taten sie während Jahrzehnten Dienst auf Bahnhöfen landauf und landab, ebenso auf den Flughäfen in Dübendorf und Kloten. Wer also mit etwas Aarauer Lokalpatriotismus eine Reise tat, konstatierte mit Stolz, wie Oehler den Namen der Stadt in das ganze Land hinaustrug.
Aber schon bald stotterte die Weltwirtschaft – nach dreissig Jahren praktisch ungebremsten Wachstums. Industrielle Überkapazitäten, geopolitisch wirksame Spannungen und Kriege sowie die Konkurrenz aus Asien verstärkten die globalen «Ölpreiskrisen» von 1973 und 1979/80. In der Folge setzte in Westeuropa eine schleichende Deindustrialisierung ein. Unternehmen, die zum Teil auf das 19. Jahrhundert zurückgingen, mussten fusionieren oder schliessen. Auch in Aarau. Als Folge davon reisten zahlreiche ausländische Arbeitskräfte mit ihren Familien zurück in ihr Herkunftsland. Sank die Bevölkerungszahl anfänglich, stagnierte sie anschliessend während zwei Jahrzehnten.
​Raum für Wandel und Neues
Schon bis 1970 war die Aarauer Bevölkerung leicht auf 16'881 geschrumpft, davon verfügten 3099 über keinen Schweizer Pass. Zehn Jahre später wohnten rund tausend Menschen weniger zwischen Alpenzeiger und Distelberg, 650 von ihnen waren ausländischer Herkunft. Bis die Bevölkerungszahl wieder den zwischenzeitlichen Höchstwert von 1960 erreichte, sollte es bis nach der Jahrtausendwende dauern. Aarau geriet seither dank seiner zentralen Lage und der guten Verkehrsanbindung in die Wachstumsspirale der Metropolitanräume der Deutschschweiz. Das wachsende Stellenangebot im Dienstleistungssektor – genannt sei die dominierende Kantonsverwaltung – trägt das Ihre dazu bei. Dank der Eingemeindung des Ortsteils Rohr im Jahr 2010 entwickelte sich die Einwohnerzahl auf 22'903 (2025).
Zeitgleich mit dem gesellschaftlichen und politischen Wandel begann die Umnutzung der Industriebrachen. Wo einst gegossen, gefräst und gehämmert wurde, wohnt, lernt, verwaltet, gesundet oder verbringt man heute seine Freizeit.
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Die Landeskarte zeigt Aarau auf dem Höhepunkt industrieller Blüte im Jahr 1970. Gut sichtbar sind die Fabriken dar Aarauer Grossunternehmen entlang der Eisenbahnlinien, ebenso verschiedene unbebaute Flächen. Bild: AGIS/Swisstopo.
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Patrick Zehnder ist Autor der Neuen Stadtgeschichte Aarau. Er hat bei ZEITGESCHICHTE AARGAU 1950–2000 mitgearbeitet und unterrichtet Geschichte und Politische Bildung an der Kantonsschule Baden.

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