Stadtgeschichte Aarau
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Warum heute in Aarau Kultur in der Futterfabrik (KiFF) stattfindet: Vor 100 Jahren begann alles mit einer Geflügelfarm

3/9/2026

 
Ein Jahrhundert Schweizer Wirtschafts- und Kulturgeschichte an einem Ort: Die ehemalige Kunath Futterfabrik im Aarauer Telli-Quartier wurde 1926 gegründet. Was damals als visionäre Geflügelfarm begann, prägt bis heute nicht nur die Schweizer Landwirtschaft, sondern auch das Stadtbild von Aarau.
Angela Bhend
​Im Jahr 1926 übernahmen Fritz und Käthe Kunath-Schinkel das Areal der ehemaligen Chemiefabrik Wydler in der Aarauer Telli. Die aus Deutschland stammenden und in der Geflügelzucht ausgebildeten Jungunternehmer lernten sich in der Schweiz per Zufall kennen. Doch beide teilten die gleiche Vision: die Gründung einer modernen Geflügelfarm. Am 15. Oktober starteten die Pioniere mit wenigen hundert Hennen und einem kleinen Büro in einem Markt, der damals in der Schweiz nur als bäuerlicher Nebenerwerb existierte. Mit ihrem Fachwissen revolutionierten sie die rückständige Geflügelzucht nachhaltig. Sie ersetzten gekochtes Futter durch optimiertes Trockenmischfutter und setzten neue Standards für den Bau von Ställen.
​Der Aufstieg zur modernen Futterfabrik
Aus der Geflügelfarm entstand rasch ein florierendes Unternehmen für grossflächige Futterproduktion. Das Kunath-Futter war teuer, doch bis heute gilt das Credo «Das beste Futter hat den höchsten Preis». Per Auto, Bahn und bald per Lastwagen wurde die wachsende Kundschaft in der Deutschschweiz beliefert. Innerhalb von 15 Jahren wuchs der Kundenstamm von 100 auf über 10'000 Kunden. Nach dem Krieg bauten 30 Kundenberater den Markt kontinuierlich aus. Die rund 30 Fabrikarbeiter pendelten mit dem Fahrrad aus den umliegenden Gemeinden in die Telli, denn Wohnen in Aarau war zu teuer. Der Erfolg war messbar: Die Legeleistung der Hennen verdoppelte sich, was Fritz Kunath hauptsächlich auf das eigene Futter zurückführte.
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Pionier Fritz Kunath (1897-1938) in seinem ersten Geschäftsjahr 1926 mit einem Stammmutterhuhn, auf das er und seine Frau Käthe besonders stolz waren. Bild: Gügg-Grüggüü, Dez. 1938.
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Mit zahlreichen Lastwagen wurde das Kunath-Futter den Kunden geliefert. Bild: Firmenarchiv Burgdorf.
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Werbeplakat für Kunath-Futter 1950. Bild: Stadtmuseum Aarau.
​Innovationen und Gügg-Grüggüü
Fritz Kunaths Erfindergeist kannte keine Grenzen: So entwickelte er 1930 den weltweit exportierten Frischluftbrutapparat «Aria». 1937 baute er die erste Mischfutterfabrik der Schweiz. Im Jahr darauf führte er aus Hygienegründen den Papiersack als Ersatz für die seuchenanfälligen Jutesäcke ein. Ihr Wissen teilten die Pioniere durch die im Jahr 1929 gegründete Hauszeitung Gügg-Grüggüü. Die «Hauszeitung über alle Fragen der Hühnerzucht» wurde ausschliesslich an Kunden abgegeben. Sie klärte die Halter landwirtschaftlicher Betriebe mit Tipps und Tricks über die Geflügelzucht auf, später auch über die Schweine- und Viehzucht – bis heute.
Die 1929 gegründete Hauszeitung Gügg-Grüggüü erscheint bis heute. Früher bot sie Anleitungen zum Bau von Hühnerställen und zur Kükenaufzucht an, oder auch Rezepte für den Hausgebrauch. Zudem informierte die Hauszeitung über gesellschaftspolitische Themen.
​Schicksalsschlag und eine starke Frau an der Firmenspitze
Im Jahr 1938 verunglückte der Gründer Fritz Kunath mit nur 41 Jahren tödlich bei einem Autounfall. Mitten in der Weltwirtschaftskrise und kurz vor dem Zweiten Weltkrieg übernahm seine Witwe Käthe Kunath-Schinkel die alleinige Leitung der Fabrik. Trotz der harten Kriegsjahre steuerte sie den Betrieb geschickt durch die Krise und baute ihn in der Nachkriegszeit zu einem führenden Akteur aus. Nach über drei Jahrzehnten übergab sie 1971 die Firmenleitung an ihren Sohn Friedrich Kunath.
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Die starke Frau an der Firmenspitze: Pionierin Käthe Kunath-Schinkel. Bild: Gügg-Grüggüü, Nov.-Dez. 1941.
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Der heute 95-jährige Friedrich Kunath wurde 1931 als Sohn der Firmengründer in Aarau geboren. Er trat später in die Fussstapfen seiner Mutter, übernahm 1971 die Leitung und modernisierte den Betrieb kontinuierlich. Zudem gründete er 1959 zusammen mit zwei ausländischen Mischfutterherstellern das European Feeding Team (EFT), um einen regelmässigen Austausch von Fachwissen zu ermöglichen. Bild: Angela Bhend.
Vom Schüler aus der Telli zum Firmenpatron
Der heute 95-jährige Firmenpatron Friedrich Kunath wuchs in den Krisen- und Weltkriegsjahren im Aarauer Industriequartier Telli auf. Als einziger Schüler seiner Klasse hatte er den längsten Schulweg. «Niemand wohnte in der Telli», erinnert er sich. Mit dem Fahrrad zu kommen, war streng verboten. Wegen der Militärnutzung des Pestalozzi-Schulhauses fand sein Unterricht anfänglich auf viel zu kleinen Stühlen im Kindergarten statt.
An die Kriegsjahre erinnert er sich zwiespältig: «Wir sind Draisine gefahren, im Winter haben wir geschlittelt, im Sommer Äpfel geerntet.» Gemüseanbau, Eier und das gelegentliche Schlachten eines «Güggeli» oder «Säuli» sicherten das Überleben. Dank eigener Landwirtschaft war die Not auf dem Kunath-Areal gedämpft, während in der Innenstadt Lebensmittelknappheit herrschte. Im Betrieb fehlten jedoch die Männer, die im Aktivdienst waren. Bürofrauen mussten mit anpacken, Futter mischen und Laborarbeiten übernehmen. 
Nach dem Krieg, einem Internat und der Müllereifachschule Braunschweig erwarb Friedrich Kunath nach eigenen Aussagen 1958 in den USA als erster Europäer das Diplom als Ingenieur der Futtermitteltechnik. Nach Stationen im Ausland übernahm er 1971 die Gesamtleitung des Familienbetriebs. 
​Ein architektonisches Juwel reist nach Aarau
Etwas ganz Besonderes im Kunath-Areal war das Wohnhaus der Familie: das geschichtsträchtige SAFFA-Haus. Es wurde von Lux Guyer, der ersten selbstständigen Architektin der Schweiz, als vorfabriziertes Typenwohnhaus aus Holz für die erste Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA) 1928 in Bern entworfen.
Fritz Kunath liess das komplette Holzhaus nach Ausstellungsende in Bern zerlegen und neben seiner Futterfabrik als «Katharinenhof» (benannt nach seiner Frau Käthe) wieder aufbauen. Als dem Haus im Jahr 2003 der Abriss drohte, rettete es der Verein proSAFFAhaus. Es wurde erneut abgebaut und steht seit 2007 aufwendig restauriert in Stäfa am Zürichsee.
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Kunath Futterfabrik auf dem Gebiet Telli-Neumatten in Aarau, 1955. Links im Bild das SAFFA-Haus. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Stiftung Luftbild Schweiz / LBS_H1-018512
​Vom Futterparadies zum Kulturzentrum: Das KiFF entsteht
1988 wurde die Futterfabrik nach Burgdorf verlegt, wo sie heute als Kunz Kunath AG FORS-Futter in der dritten und vierten Generation der Familie Kunath noch immer Tiernahrung produziert. In den 1980er-Jahren war das Bedürfnis nach kulturellen Freiräumen in Aarau gross. Innovative Kulturschaffende erstanden das leere Aarauer Fabrikgebäude und gründeten die Interessengemeinschaft «Kultur in der Futterfabrik» – das KiFF. Seit über 35 Jahren finden in der Industriebrache nun Konzerte und Kulturveranstaltungen statt. Die Ernennung zum kantonalen «kulturellen Leuchtturm» 2009 verschaffte dem Kulturzentrum weitere Sichtbarkeit und durch vermehrte Förderung eine Verbesserung der stets angespannten Finanzen. Nun soll ein Neubau auf dem Areal die bisherige Nutzung der sanierungsbedürftigen ehemaligen Futterfabrik durch einen dauerhaft angelegten Kulturstandort ersetzen – die Parzelle im Baurecht dafür stammt aus der Familie Kunath.
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Angela Bhend ist Autorin der Neuen Stadtgeschichte Aarau. Als freie Historikerin kuratiert sie derzeit das Ausstellungsprojekt des Zentrums Doppeltür in Lengnau und arbeitet an einem Buch zur jüdischen Textilgeschichte der Schweiz.

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