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Ein Jahrhundert Schweizer Wirtschafts- und Kulturgeschichte an einem Ort: Die ehemalige Kunath Futterfabrik im Aarauer Telli-Quartier wurde 1926 gegründet. Was damals als visionäre Geflügelfarm begann, prägt bis heute nicht nur die Schweizer Landwirtschaft, sondern auch das Stadtbild von Aarau. Angela Bhend Im Jahr 1926 übernahmen Fritz und Käthe Kunath-Schinkel das Areal der ehemaligen Chemiefabrik Wydler in der Aarauer Telli. Die aus Deutschland stammenden und in der Geflügelzucht ausgebildeten Jungunternehmer lernten sich in der Schweiz per Zufall kennen. Doch beide teilten die gleiche Vision: die Gründung einer modernen Geflügelfarm. Am 15. Oktober starteten die Pioniere mit wenigen hundert Hennen und einem kleinen Büro in einem Markt, der damals in der Schweiz nur als bäuerlicher Nebenerwerb existierte. Mit ihrem Fachwissen revolutionierten sie die rückständige Geflügelzucht nachhaltig. Sie ersetzten gekochtes Futter durch optimiertes Trockenmischfutter und setzten neue Standards für den Bau von Ställen. Der Aufstieg zur modernen Futterfabrik Aus der Geflügelfarm entstand rasch ein florierendes Unternehmen für grossflächige Futterproduktion. Das Kunath-Futter war teuer, doch bis heute gilt das Credo «Das beste Futter hat den höchsten Preis». Per Auto, Bahn und bald per Lastwagen wurde die wachsende Kundschaft in der Deutschschweiz beliefert. Innerhalb von 15 Jahren wuchs der Kundenstamm von 100 auf über 10'000 Kunden. Nach dem Krieg bauten 30 Kundenberater den Markt kontinuierlich aus. Die rund 30 Fabrikarbeiter pendelten mit dem Fahrrad aus den umliegenden Gemeinden in die Telli, denn Wohnen in Aarau war zu teuer. Der Erfolg war messbar: Die Legeleistung der Hennen verdoppelte sich, was Fritz Kunath hauptsächlich auf das eigene Futter zurückführte. Innovationen und Gügg-Grüggüü Fritz Kunaths Erfindergeist kannte keine Grenzen: So entwickelte er 1930 den weltweit exportierten Frischluftbrutapparat «Aria». 1937 baute er die erste Mischfutterfabrik der Schweiz. Im Jahr darauf führte er aus Hygienegründen den Papiersack als Ersatz für die seuchenanfälligen Jutesäcke ein. Ihr Wissen teilten die Pioniere durch die im Jahr 1929 gegründete Hauszeitung Gügg-Grüggüü. Die «Hauszeitung über alle Fragen der Hühnerzucht» wurde ausschliesslich an Kunden abgegeben. Sie klärte die Halter landwirtschaftlicher Betriebe mit Tipps und Tricks über die Geflügelzucht auf, später auch über die Schweine- und Viehzucht – bis heute. Die 1929 gegründete Hauszeitung Gügg-Grüggüü erscheint bis heute. Früher bot sie Anleitungen zum Bau von Hühnerställen und zur Kükenaufzucht an, oder auch Rezepte für den Hausgebrauch. Zudem informierte die Hauszeitung über gesellschaftspolitische Themen.
Ein architektonisches Juwel reist nach Aarau Etwas ganz Besonderes im Kunath-Areal war das Wohnhaus der Familie: das geschichtsträchtige SAFFA-Haus. Es wurde von Lux Guyer, der ersten selbstständigen Architektin der Schweiz, als vorfabriziertes Typenwohnhaus aus Holz für die erste Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA) 1928 in Bern entworfen. Fritz Kunath liess das komplette Holzhaus nach Ausstellungsende in Bern zerlegen und neben seiner Futterfabrik als «Katharinenhof» (benannt nach seiner Frau Käthe) wieder aufbauen. Als dem Haus im Jahr 2003 der Abriss drohte, rettete es der Verein proSAFFAhaus. Es wurde erneut abgebaut und steht seit 2007 aufwendig restauriert in Stäfa am Zürichsee. Vom Futterparadies zum Kulturzentrum: Das KiFF entsteht
1988 wurde die Futterfabrik nach Burgdorf verlegt, wo sie heute als Kunz Kunath AG FORS-Futter in der dritten und vierten Generation der Familie Kunath noch immer Tiernahrung produziert. In den 1980er-Jahren war das Bedürfnis nach kulturellen Freiräumen in Aarau gross. Innovative Kulturschaffende erstanden das leere Aarauer Fabrikgebäude und gründeten die Interessengemeinschaft «Kultur in der Futterfabrik» – das KiFF. Seit über 35 Jahren finden in der Industriebrache nun Konzerte und Kulturveranstaltungen statt. Die Ernennung zum kantonalen «kulturellen Leuchtturm» 2009 verschaffte dem Kulturzentrum weitere Sichtbarkeit und durch vermehrte Förderung eine Verbesserung der stets angespannten Finanzen. Nun soll ein Neubau auf dem Areal die bisherige Nutzung der sanierungsbedürftigen ehemaligen Futterfabrik durch einen dauerhaft angelegten Kulturstandort ersetzen – die Parzelle im Baurecht dafür stammt aus der Familie Kunath. Kommentare sind geschlossen.
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