Stadtgeschichte Aarau
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Der Herrschaftswechsel von 1415: Eine Chance für Aarauer Bürgerfamilien wie die Segesser

31/1/2026

 
Die bernische Herrschaft veränderte den Aargau – aber nicht nur so, wie man meist hört. Bürgerfamilien aus Aarau wie die Segesser nutzten den Umbruch nach der Eroberung und wirkten aktiv an der Gestaltung der neuen Ordnung mit.
Simon Frederik Piringer
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Die Habsburg war eine von drei Burgen, die aufgrund des Herrschaftswechsels in den Besitz der Segesser gelangte. Luftaufnahme Schloss Habsburg. Bild: Museum Aargau.
​1415 eroberte Bern den Grossteil des habsburgischen Aargaus und übernahm somit auch die Herrschaft über Aarau. Bis heute gilt dieses Ereignis als klare Zäsur: Die Stadt wurde Teil des bernischen Staats und konnte sich erst mit der Helvetischen Revolution 1798 aus den Fängen der Herrschaft befreien. Die Menschen in Aarau nahmen das damals aber ganz anders wahr. Viele sahen im Herrschaftswechsel keine Niederlage, sondern neue Gelegenheiten. Insbesondere die Familie Segesser verstand es, sich aktiv in die neue Situation einzubringen.
 
Die Segesser auf mehreren Bühnen
Nur eine Generation vor der Eroberung kam Hans Segesser nach Aarau. Vorher wohnte er im nahen Mellingen und bekleidete dort als Schultheiss das höchste städtische Amt. Ausserdem war Hans durch seine Tätigkeit als habsburgischer Richter und Verwandter der Familie Schultheiss-Ribi, den Herren auf der Lenzburg, gut vernetzt. In Aarau besetzte dann auch sein ältester Sohn Peter das Schultheissenamt, während sein jüngerer Bruder Hans Ulrich Schultheiss in Mellingen war. Die zwei jüngsten Söhne von Hans übten kirchliche Ämter aus: Rudolf war Chorherr in Beromünster und Ulrich war Kirchherr in Schinznach. Aussergewöhnlich für eine Bürgerfamilie waren verschiedene Besitzrechte und Lehen der Segesser im heutigen Südtirol und nördlich des Bodensees. Die Familie agierte also nicht nur innerhalb einer Stadt, sie bewegte sich zwischen ganz unterschiedlichen Herrschaftsräumen.
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Das Wappen der Segesser ist heute noch an mehreren Orten in Aarau sichtbar. Wappentafel von Peter Segesser – damals hiess die Familie noch Segenser oder Segisser – im Rathaus. Bild: Stadt Aarau.
Nach Habsburgs Abzug übernehmen Aarauer ihre Burgen
Innerhalb der Stadtmauern Aaraus brachte die Eroberung durch Bern fast keine Änderungen. Im Umland jedoch konnte nur ein Teil der Adligen seine Stellung behaupten. So wurden viele ehemals habsburgische Burgen frei. Dadurch veränderte sich der Markt stark, weil diese Rechte nun zum Kauf freistanden und gehandelt wurden. Hans Arnold Segesser, Sohn von Peter und ebenfalls Schultheiss in Aarau, schlug genau hier zu: Er kaufte 1453 die Burg Königstein, 1462 die Habsburg und 1473 die Brunegg. Die Burg Königstein liegt an der östlichen Flanke des Hungerbergs, nördlich von Aarau in Küttigen und ist heute nur noch eine Ruine. Diese verkaufte Hans Arnold schon ein Jahr nach dem Erwerb an das Ordenshaus der Johanniter in Biberstein. Die Habsburg behielt er jedoch fast ein Jahrzehnt, die Brunegg blieb bis 1528 in Familienbesitz.
Darstellung der Habsburg in einem Aquarell des Aarauer Glasmalers Hans Ulrich Fisch im Wappenbuch der Erzherzöge zu Österreich und Grafen von Habsburg, 1622. Die Burg war nach dem Herrschaftswechsel von 1415 fast ein Jahrzehnt im Besitz des Aarauer Schultheissen Hans Arnold Segesser. Bild: Staatsarchiv Aargau, V/4-1985/0001: Wappenbuch des Hans Ulrich Fisch (https://www.e-codices.unifr.ch/de/list/one/saa/V4-1985).
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​Macht dank Burgenbesitz
Aus heutiger Sicht stellt man sich den Kauf einer Burg vielleicht analog zum Kauf einer Villa vor. Im 15. Jahrhundert wurden Burgen jedoch nicht nur als Prestigeobjekte betrachtet. Burgen waren so wichtig, weil sie eine Reihe an Rechten mit sich brachten: Erstens hatte ein Burgherr passive Einnahmen durch Abgaben, Zinsen und Steuern. Zweitens hielt er Gericht – dadurch inszenierte er seine Herrschaft und entschied über Konflikte. Er kontrollierte zudem die Gebiete um die Burg herum. So gehörten zur Burg Königstein die Dörfer Küttigen und Erlinsbach. Das zur Brunegg benachbarte Dorf Tägerig hatte Grossvater Hans Segesser bereits vor 1415 erworben. Insgesamt gewannen die Segesser also durch den Kauf von mehreren Burgen an regionaler Bedeutung und sie gestalteten die Herrschaft im Aargau mit. Dies steht stark im Gegensatz zur Vorstellung einer kompletten Machtübernahme bei der Eroberung des Aargaus, wie es noch in der alten Stadtgeschichte von 1978 vermittelt wird. Anders formuliert: Die Aarauer Bürgerfamilien waren keine passiven Untertanen, sondern aktiv im Geschehen involviert. Gerade solche Familien wie die Segesser veränderten durch ihre wirtschaftlichen Strategien den Aargau gleich stark wie Bern selbst. Als direkter Vergleich: Bern kontrollierte bis 1500 im Aargau lediglich die Aarburg, die Lenzburg und die Burg Schenkenberg, wo sie Landvogteien einrichteten.
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1453 kaufte Hans Arnold Segesser die Burg Königstein für 540 Gulden. Kaufurkunde Königstein StAAG U.06/0068. Bild: Staatsarchiv Aargau.
​1415 von Aarau aus gesehen
Zusammenfassend kam es bei der Eroberung von 1415 zu keiner Totalübernahme. Akteure aus Aarau wie die Familie Segesser gestalteten das neue System massgebend mit. Hiervon zeugt eine Vielzahl von Quellen, die bislang kaum beachtet wurden. Dabei handelt es sich um Kaufurkunden, Gerichtsprotokolle sowie Abrechnungen. Man kann also die Geschichte der Eroberung auch aus der Perspektive Aaraus erzählen – eine Geschichte von Menschen, welche die Neuordnung nutzten. Für die Segesser war Herrschaft kein abstraktes Gebilde. Es war eine Ressource, die man erwerben, verwalten und verhandeln konnte. Innerhalb des neuen Handlungsraums verstanden sich die Segesser bestens darauf, selbstbewusst und grossräumig zu handeln. Schliesslich konnten sie sich sogar ihren eigenen Herrschaftsraum aufbauen, der weit über die Stadtmauern hinausreichte. Solche Prozesse konkurrierten im Übrigen nicht mit Bern. Es war zu dieser Zeit üblich, dass es verschiedene Formen von Herrschaft gab, die sich überschnitten und miteinander funktionierten. So könnte man noch etliche weitere Geschichten erzählen, die davon handeln, wie Bürgerfamilien aus Aarau die Herrschaft mitgestalteten.
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Simon Frederik Piringer ist Autor der Neuen Stadtgeschichte Aarau. Seine Masterarbeit hat er kürzlich zur Geschichte Aaraus im 15. Jahrhundert verfasst. Ausserdem ist er seit sechs Jahren mit Leidenschaft Stadtführer bei Aarau Info. Bild: Roland Bill.

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